Sturmfisch

Von Tobias Strahl. Es ist bitterkalt. Von Nordwest weht ein kräftiger Wind mit sechs bis sieben Beaufort. Der Wieker Bodden sieht bereits wenig einladend aus, als wir am zeitigen Morgen unser Boot im alten Hafen von Kuhle ins Wasser lassen. Wenig später, als wir aus dem kärglichen Windschatten hinausfahren, den das Ufer der Wittower Halbinsel uns geboten hat, bricht die erste Welle über den Bug ins Boot. Eine hätte gereicht. Vorn im Boot sitzend, bekomme ich mehrere Eimer Wasser direkt ab. Eine zweite Welle folgt kurz darauf, dann eine Dritte. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich das Boot noch gewendet bekomme, ohne dass eine der Wellen uns umwirft. David, der hinten im Boot sitzt, schüttelt mit dem Kopf. Ob er damit das Wetter meint oder mich, weiß ich nicht. Wir brechen ab. Nass bis auf die Knochen aber erleichtert ziehen wir kurz darauf im Hafen von Kuhle unser kleines Boot wieder aus dem Wasser.

Ein lang gehegter Traum: Fischen auf Ostsee und Bodden im Herbst. Nur fischen. Sonst nichts. Zwischen zwei Kontinenten und zahlreichen Aufgaben ergreifen wir die Gelegenheit, nutzen drei freie Tage und fliehen mit Bus, Boot und Ausrüstung auf die Insel Rügen. Am ersten Tag weht der Wind mäßig von West und wir können bei guten Bedingungen auf die Ostsee in die Dorschreviere des Tromper Wiek ziehen. Dort läuft es blendend. Wir fangen einen Fisch nach dem anderen. Alle um die fünfzig Zentimeter und größer. Nach dem fünften allerdings machen wir Schluss. Ethik beim Fischen ist für uns unabdingbar. Das heißt vor allem: Nie mehr fangen, als man selbst mit einer Mahlzeit verzehren kann. Am Abend gibt es Reis, Dorschfilet und einen guten Weißwein vom befreundeten Winzer aus dem Rheinland. Unglaublich, wie müde man an einem Tag bei frischer Meeresluft auf dem Wasser werden kann. Im Schlafzimmer des Bungalows bleibt das Fenster offen. Wind und Ostsee rauschen. Wir liegen im warmen Schlafsack. Es ist lange her, dass ich das letzte Mal so gut schlief.

Am nächsten Morgen wollen wir auf den Bodden – Barsch und Hecht nachstellen. Wie dieses Abenteuer ausging, habe ich oben beschrieben. Sei’s drum, denken wir uns, und vergammeln den Rest des Tages bei Gesprächen, die wir das letzte halbe Jahr führen wollten – aufgrund der sechstausend Kilometer zwischen Leipzig und Nigeria aber nicht konnten. Am Abend ziehen wir noch einmal mit der Wathose in den Bodden – wohl wissend, dass wir nichts fangen werden. Es geht uns darum, draußen zu sein. Dabei „stranden“ wir in Dranske an der Mole und versinken fasziniert in den Anblick des aufgewühlten Meeres vor Hiddensee. Weil vom Fisch nichts „umkommen“ darf, gibt es am Abend eine deftige Fischsuppe aus dem Rest der Dorsche vom Vortag. Auch an diesem Tag schaffen wir es nicht, jenseits der Zehn-Uhr-Marke unsere Augen offen zu halten. Beide schlafen wir noch am Tisch ein.

Am nächsten Tag hat der Wind nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Undenkbar, mit dem Boot rauszufahren. So wird es eine grandiose Strandwanderung. Es ist immer noch kalt – aber wir haben heißen Tee dabei. In den Windschatten eines Findlings gekauert, trinken wir mit Blick auf die stürmische Ostsee. Mir fällt Hesse ein: „Heut abend werde ich mir Fische backen lassen, und sehr viel roten Landwein dazu trinken. Wir werden schon wieder etwas Glanz in die Welt bringen […]“. Und: „Aber alle Wasser der Welt finden sich wieder, und Eismeer und Nil vermischen sich im feuchten Wolkenflug. Das alte schöne Gleichnis heiligt mir die Stunde. Auch uns Wanderer führt jeder Weg nach Hause“ (Hermann Hesse, Wanderung).

© Text und Bilder: hinundfort.de/D. Schreier & T. Strahl

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