Zwischen den Jahren

Von Tobias Strahl

Wenn unser Gast auf dieser Wanderung die Nase voll hat, dann lässt er sich zumindest nichts anmerken. Es ist etwa sieben Uhr, seit zwei Stunden ist es dunkel. Kalt und windig war es den ganzen Tag schon. Nun haben wir knapp 25 Kilometer „auf der Uhr“ und auf der letzten Etappe bis zur gemütlichen Unterkunft geht es noch ein gutes Stück auf einer wenig romantischen Asphaltstraße immer weiter bergauf. Mit Naturerlebnis hat das zugegeben wenig zu tun, aber im Dunkeln sieht man sowieso nicht viel von der umliegenden Landschaft.

Es ist die erste von insgesamt drei Wanderungen zwischen den Jahren. Sie führt uns – wie stets um das Mittwinterfest – in die Sächsische Schweiz. Wir treffen uns in der Woche vor Heilig Abend im Gebiet der Steine, wie die Gegend um den Pfaffenstein am linken Ufer der Elbe unter Bergsteigern genannt wird. Als Treffpunkt haben wir eine Kreuzung mitten im Wald unterhalb des Felsens Barbarine verabredet. Ich bin bereits etwas eher dort und stapfe frierend den Weg zwischen den Fichten auf und ab. Vor wenigen Tagen erst bin ich aus Nigeria angekommen, den Temperaturunterschied von fünfundzwanzig Grad kann ich schlechterdings nicht ignorieren. Kurze Zeit später steht David vor mir. Ein seltsames Gefühl. Monatelang haben wir uns nicht gesehen. Nun begegnen wir uns hier wieder. David hat einen Freund mitgebracht, der gut in unsere kleine Runde passt, wie wir in den nächsten zwei Tagen übereinstimmend feststellen. An diesem Tag jedoch passiert nicht mehr viel. Nach einem kurzen Eingewöhnungsmarsch um und auf den zerklüfteten und vielgesichtigen Pfaffenstein gehen wir zum gemütlichen Teil über. Bei Kerzenschein und Rotwein vertiefen wir uns in Gespräche wie Freunde sie führen, wenn sie sich lange nicht gesehen haben.

Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf. Beim Aufstieg auf den Gohrisch läuft uns eine Rotte Wildschweine vor die Füße, am Kleinhennersdorfer Stein oberhalb der Lichterhöhle kurz darauf drei Hirschkühe. Über den Kohlbornstein, Kleingießhübel und das Waldgebiet östlich des Taubenbachs wandern wir zur Katzsteinbaude, die wir zu unserem Verdruss geschlossen finden. Der größte Teil der Strecke liegt hinter uns, der Tag geht zur Neige, es dunkelt schon und so bleibt uns nichts anderes übrig, als zu unserem Quartier in der Waldeinsamkeit zurückzukehren. Als wir die eingangs erwähnte Straße unter den brennenden Wanderstiefeln haben, beschleicht mich das Gefühl, unseren Gast „verheizt“ zu haben, wie man sagt. Wenig später und wiederum im Schein der Kerze darauf angesprochen, antwortet dieser jedoch mit einem zufriedenen Lächeln. Es war offenbar auch für ihn eine schöne Wanderung.

Der Zauber der Erschöpfung hat uns eingefangen. Der Tag war grau. Beinahe düster. Auf seine Art schön. Ein wenig Sonne am Morgen, dann kalter Wind, schließlich tiefhängende Wolken. Eine eigene Stimmung, die gut zu dieser besonderen Zeit des Jahres passt. Mit Freunden lange Wege gemeinsam zurückzulegen, Erinnerungen sammeln und während der Etappen, die wir schweigend gehen, trotz Gemeinschaft und Vertrautheit tief die ureigene, unverwechselbare Stellung zu den umgebenden Dingen zu empfinden – das bedeutet für mich, zu „wandern“.

Wenige Tage später führt uns ein anderer Freund durch die nahe Görlitz gelegenen Königshainer Berge. Etwas mehr als 130 Jahre Granitabbau haben eine ganz eigene Landschaft geschaffen, in der auf engstem Raum Felsen, Wasser und Bäume ein kleines romantisches Reich bilden. Seit 1976 steht der Bergbau still und die Natur holt sich die Brüche zurück. Das alles wirkt wie eine Filmkulisse: steile Wände aus Granit, die in der tiefstehenden Wintersonne orangerot leuchten und sich in den dunklen Seen spiegeln, Schienenstränge von alten Förderstrecken, die ins Nichts zu führen scheinen und schließlich die Ruinen der Arbeits- und Rasthäuser der Bergarbeiter. Zwischen den Mauern einer verfallenen Schmiede, deren Herd und Kühlbecken noch gut erhalten sind, meinen wir Hammerschläge zu hören.

Am Abend vor dem Neujahrstag treffen wir alle in der Oberlausitz am Lagerfeuer wieder zusammen. Um Mitternacht entzünden die Kinder das Feuer des kommenden Jahres, wir stoßen darauf an. Seit ich in Nigeria lebe, sind mir diese Treffen noch wichtiger als sie mir zuvor ohnehin schon waren. Alles lebt von der Einmaligkeit des Augenblicks, seiner unwiederholbaren Vergänglichkeit. Der kleine Kerl, der gerade die Fackel in den Holzstoß steckt, um ihn zu entzünden und wenige Minuten später im vollem Licht der Flammen über irgendetwas, das mir entgangen ist, herzlich lacht, lag noch vor wenigen Tagen, so scheint es mir, als Kleinkind mit Fieber auf dem Sofa im Wohnzimmer seiner Eltern – in Wirklichkeit sind seither Jahre vergangen. Ich komme mir vor, als hätte ich hundert Jahre in einem verwunschenen Berg verbracht.

Die Rückreise nach Nigeria gleicht einem Rückzug aus dem Zauberreich, das die Zeit zwischen den Jahren für uns geschaffen hat. Wir wandern hinaus, überschreiten langsam und bei vollem Bewusstsein, jedoch nicht ohne Schmerz, seine Grenzen. Die Zeit führt uns hinaus, und das, was wir für richtig und wichtig in ihr bestimmt haben. Das Zusammentreffen von scheinbarer Notwendigkeit und Trennungsschmerz hat etwas Lächerliches. Ein letzter Gang führt uns auf die Höhen um Jena, Berge aus Muschelkalk, die ein Meer vor Jahrmillionen hier zurückgelassen hat. Auf den schmalen Pfaden, den Horizontalen, die um diese Berge führen, dringt das Rauschen dieses Meeres wie eine Erinnerung und ein Versprechen gleichermaßen aus unbestimmter Ferne zu uns.

Alle Bilder dieses Artikels: © David Schreier & Tobias Strahl

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